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Wie die Stunde in Baltmannsweiler begann

Johanna Esslingers Erinnerungen reichen am weitesten zurück und zwar in die Zeit, als sie nach dem Tod ihrer Mutter 1935 als junges Mädchen regelmäßig in den Bibelstunden Trost suchte und auch fand.

Nach der entstandenen Lücke von Frau Reichenecker, der damaligen Stundenmutter, wurde gefragt: Wer will jetzt ihre Stelle einnehmen? Die Mutter von Frau Esslingers späterer Schwägerin, Marie Maier, hörte bei der Beerdigung den Ruf und kam.

Die Stunden waren in den Stuben der Post-Marie (Marie Ziegler) in der Brunnenstraße und der Frieder - Nane in der heutigen Alfredstraße. Es versammelten sich alle 14 Tage dienstags etwa 10 Personen um Bruder Lauterwasser aus Göppingen und Bruder Karl Müller aus Esslingen, beide gehörten zu den Altpietisten; sie erbarmten sich über die Baltmannsweiler, die nirgends angeschlossen waren - anders als etwa die Hegenloher, die damals zu den Liebenzellern gehörten (heute gehören sie auch zu den Altpietisten).

Nach der Stunde gab es für die Brüder Kaffee - der stand auf dem Ofen - und ein Stück Weißbrot.

In den Jahrzehnten vor 1935 ging Frau Esslingers Mutter sonntags zu Familie Sieler neben der Kirche, dort legte der Hausherr von der Hahn'schen Gemeinschaft das Wort aus.

Einige Erlebnisse aus der damaligen Zeit

Die Post-Marie hätte ihren Mann, Wilhelm, auch gerne in der Bibelstunde gehabt. So ging er halt eines Tages mit, saß ganz hinten und hielt sich die Ohren zu. Plötzlich hörte er doch ein Wort - und es traf ihn. Als dann der Prediger sagte: Wer Ohren hat zu hören, der höre, schämte er sich, kam zum Glauben und von Stund an unters Wort.

Frau Esslinger erzählte "ihrer" Frau Pfarrer Wacker von Bruder Müller, dass er so ein feiner Mann sei wie der Jünger Johannes und ein Bocksbärtchen hätte. Die Pfarrfrau wurde neugierig kam - und blieb auch. Etwa seit dieser Zeit fand die Bibelstunde im Pfarrhaus statt bis 1992, als wir ins neu erbaute Gemeindehaus umziehen konnten.

Bruder Müller fuhr zu seinem Dienst von Esslingen nach Baltmannsweiler mit dem Fahrrad. Eines Abends bei der Heimkehr hatten Buben kurz vor seiner Wohnung ein Seil über die Straße gespannt, das er übersah. Er stürzte und verletzte sich schwer. Von da an fuhr er mit dem Zug nach Reichenbach und ging zu Fuß nach Baltmannsweiler. Im Raum wollte er kein Sitzkissen, weil es im Zug auch keines gab, so hoffte er, sich nicht zu erkälten.

Einmal wurde Frau Esslinger von etwas Giftigem an der Hand gestochen, so daß Hand und Arm anschwollen und sie nicht in die Bibelstunde konnte. Ihre 10-jährige Nichte Edith spielte in der Nähe der Bushaltestelle. Als Bruder Müller ausstieg - inzwischen gab es diese Busverbindung - meldete das Kind sogleich: Meine Dote ist krank. Bruder Müller besuchte Frau Esslinger nach der Bibelstunde, betete mit ihr u.a. den Psalm 46, in dem es heißt: Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein. Am anderen Tag war die Hand vollständig geheilt und wieder zum Melken bereit. 1959 heiratete Frau Esslinger nach Boll bei Oberndorf, auch dort wurde sie von Bruder Müller besucht.

Jeden ersten Sonntag im Mai war die Monatsstunde in Hegenlohe. Alle, die konnten, nahmen den Weg unter die Füße: Berg runter, Berg rauf. Die Beutelsbacher kamen mit ihrem Chor die weite Strecke ebenfalls zu Fuß.

1972 hatte unsere Gemeinschaft 25 Mitglieder, heute sind wir noch etwa 7-10, wenn alle da sind.

Anneliese Lachenmaier